Ehrlich währt am längsten – denkste !!!

Muss eigentlich das, was ich denke, immer übereinstimmen mit dem was ich sage? Oder sollte das, was ich sage übereinstimmen mit meinen Werten? Das kann ein deutlicher Widerspruch sein. Es kann durchaus sein, dass ich, um deckungsgleich mit meinen Werten zu handeln, genau das nicht sage, was ich gerade denke. Wer kennt das nicht, man ist etwas müde, abgearbeitet, dann kommt ein Mitarbeiter oder Freund mit einem für ihn wichtigen Problem. Einerseits denke ich: „Bitte nicht jetzt, lieber später“, andererseits merke ich, wie essentiell das Problem für meinen Gesprächspartner ist. Also reiße ich mich zusammen, halte meinen Gedanken zurück und widme mich dem Problem, weil mein Wert: „Gehe mit Menschen sorgsam um“, jetzt von mir fordert, meine Bedürfnisse hintanzustellen. Würde ich also sagen, was ich gerade denke, würde ich meine Werte verletzen.

Ein spanisches Sprichwort sagt: „Zuweilen spricht auch der Teufel die Wahrheit.“ Ehrlichkeit ist ein schweres Geschäft, zumal dann, wenn im Alltag durchaus Menschen bestraft werden, die offen und ‚ehrlich’ ihre Gefühle und eigenen Schwächen vor anderen ausbreiten. Ehrlichkeit hat sicher eine Chance, wenn sie frei bleibt von Bösartigkeit und Gift. Schopenhauer meinte noch in seinem zweiten Teilband Aphorismen zur Lebensweisheit: „So eng auch Freundschaft, Liebe und Ehe Menschen verbinden: Ganz ehrlich meint jeder es am Ende doch nur mit sich selbst und höchstens noch mit seinem Kinde.“

Ehrlich ist ein Mensch genau dann, wenn er ohne Verstellung offen ist. Dazu ist es notwendig, dass er auf verdeckte Kommunikation verzichtet. Verdeckt ist eine Kommunikation immer dann, wenn ich über ein Wissen verfüge, das zu einer kommunikativen Handlung führt, aber dem Betreffenden nicht mitgeteilt wird.

Wird ein Mensch in einem Netz verdeckter Kommunikation gefangen, dann kommt er da nicht mehr heraus. Es führt zu massiven Störungen des Selbstkonstrukts und auch der sozialen Beziehungen. Hier ist selektive Ehrlichkeit gefragt.

In der psychologischen Forschung wurde herausgefunden, dass eine signifikante Korrelation besteht zwischen der psychischen Erkrankung von Familienmitgliedern und verdeckter Kommunikation. Wenn ein Familienmitglied erkrankt, müssen alle therapiert werden, damit man aus dem Netz der verdeckten Kommunikationen heraus zu kommen. Es reicht nicht aus, den Einzelnen zu therapieren.

Verdeckte Kommunikation sagt den eigentlichen Grund nicht, schiebt sekundäre Gründe vor. Zum Beispiel sind Verhöre sehr häufig verdeckte Kommunikation.

Gleichwohl kann es Momente im Leben geben, in denen es erforderlich sein kann, die Unwahrheit zu sagen.

Wer immer und jederzeit die Wahrheit sagt, schafft am Ende nur Konflikte. Im Sinne einer sinnvoll genutzten Ehrlichkeit sollte hier die Güterabwägung eingesetzt werden. Es gibt so etwas wie die ‚selektive Authentizität’: „Mache dir bewusst, was du denkst und fühlst, und wähle, was du sagst und tust.“ Es kann erforderlich sein, die Wahrheit nicht zu sagen oder sogar die Unwahrheit zu sagen. Dafür gibt es durchaus zwei Gründe:

Wenn es darum geht, den Schutz eigenen und fremden Lebens zu sichern bei Wahrung der Verhältnismäßigkeit der eigenen und fremden Geheimnisse.

Wenn das, was ich denke, die Lebenschancen des anderen mindern würde, sobald ich es ausspreche. Es geht um die Empathie, das Einfühlungsvermögen (Empathie ist unabhängig von Sympathie und Antipathie). Der andere muss sich in dem, was ich sage, auch wieder finden können. Meine Aussage darf das Selbstkonzept des anderen nicht fahrlässig infrage stellen. In einer gelingenden Weise wird das Selbstkonstrukt dynamisiert, jedoch nicht vernichtet.

Hier liegt der Fehler mancher Menschen, die immer und überall ehrlich sein wollen. Und sich daher um das Selbstkonzept eines Menschen gar nicht kümmern.

Also seien wir ehrlich aber nicht um jeden Preis!