Ethisches Missverständnis: Eigennutz stinkt!

kolumne_ulf_logoIn Deutschland herrscht überwiegend eine utilitaristische Ethik. Demnach gilt als moralisch, was möglichst vielen Menschen nutzt. Viele Menschen sind der Überzeugung, Ethik bedeute automatisch, dass man altruistisch und vor allem sozial handeln muss.
Das gilt insbesondere für die Wirtschaft und ihre Protagonisten. Es reicht vielen Menschen nicht, wenn ein erfolgreiches Unternehmen mit seinen Gewinnen dafür sorgt, dass Arbeitsplätze geschaffen werden und die Steuerquellen sprudeln. Davon profitiert die Gemeinschaft zwar mitunter ganz erheblich, in der öffentlichen Wahrnehmung wird diese Leistung fürs öffentliche Wohl jedoch vom Klischee des gierigen Geschäftsmanns überlagert, der satte Gewinne einstreicht. Das ändert sich auch dann nicht, wenn dieser Geschäftsmann öffentliche Projekte sponsert oder für gemeinnützige Zwecke spendet, denn das tut er ja nur, um sein Image aufzupolieren. Aber wehe, er beteiligt sich nicht am Bau des neuen Gemeindesportplatzes: Dann gilt er wieder – wir haben es ja gewusst – als Egoist, der seiner Verantwortung für die Region nicht nachkommt.
Unsere Moral dreht sich fast nur noch darum, Menschen am Wohlstand anderer teilhaben zu lassen, aufzuteilen, was vorhanden ist. Abgesehen davon, dass es am Ende vielleicht gar nichts mehr zu verteilen gibt, wenn sich diese Ethik durchsetzt, beruht diese Moral auf einer falschen Grundannahme: Ethik bedeutet nicht automatisch, etwas an andere abzugeben. Ethik kann auch bedeuten, etwas Neues zu schaffen. Das wird leider immer mehr vergessen, so dass die ethische Leistung von Unternehmern und Managern immer weniger gewürdigt wird.
Die Vertreter einer ausschließlich an sozialen Errungenschaften orientierten oder utilitaristischen Ethik wollten Unternehmer immer schon gern am Gängelband führen. Ein System von Ordnungsregeln soll die Selbst- und Gewinnsucht des Unternehmers zügeln. Denn, so behaupten die Tugendwächter, damit er seine Mitarbeiter nicht ausbeutet, muss er zu legitimem Verhalten gezwungen werden. Nur wer sich unterordnet, glauben sie, dem kann von Seiten der Kunden, Mitarbeiter und Bürger Vertrauen entgegengebracht werden. Moralisierendes Law-and-Order-Denken.
Ethik politisch zu diktieren oder gar durch Gesetze herstellen zu wollen, zeugt von einer gewissen Ignoranz. Denn nicht Gesetze stellen Vertrauen her, sondern Menschen durch ihren Umgang miteinander. Eine dazu passende Ethik gibt es bereits. Entwickelt hat sie Adam Smith in seinem Werk „Die Wohlfahrt der Nation“, in dem er Arbeitsproduktivität und Kapitalakkumulation zu den Garanten des Wohlstands erklärt. Die Ethik ist hier nicht verteilungs-, sondern herstellungsorientiert. Es ist nicht die Ethik der Nächstenliebe, sondern es sind die Gewinnziele, die die unternehmerische Ethik begleiten. So entsteht Mehrwert, so entstehen Arbeitsplätze, so entstehen Unmengen an Steuern, die der Staat dann verteilen kann. Nicht dass wir uns missverstehen, eine Ethik des Verteilens ergibt durchaus Sinn, nur benötigen wir daneben eine Ethik des Mehrens, denn wenn diese fehlt, gibt es bald nichts mehr zu verteilen.
Das ist das ethische Bewusstsein des Unternehmertums: als freier Mensch nach Wegen zu suchen, die Welt zu gestalten. Alles andere hieße nämlich, sich bloßen Sachzwängen und dem Recht des Stärkeren zu überlassen und auf Gemengelagen nur zu reagieren, statt Neues zu wagen und für bessere Verhältnisse zu sorgen. Aus dem Unternehmertum selbst folgt demnach die ethische Vorgabe, die Welt nicht einfach so anzuerkennen, wie sie zufällig gerade ist, sondern an ihrer Veränderung zu arbeiten. Unternehmer sind bewusste Gestalter der Welt, in der sie leben wollen.
Mit dieser Vorgabe ist der Auftrag, Gewinne zu erwirtschaften, um Gehälter und Steuern zahlen zu können, unmittelbar verbunden. Nicht dass Einzahlungen in die Staatskasse die treibende Kraft hinter unternehmerischem Handeln wären. Dennoch: Gehälter und Steuern zahlen ist letztlich etwas Gutes, etwas Ethisches. Und dafür braucht es – möglichst hohe – Gewinne. Und damit eben auch einen gewissen Egoismus. Denn ohne das eine scheint mir das andere kaum möglich zu sein.