Liebst Du, was Du tust?

Menschen werden krank durch Ihre Arbeit. Burn out, Stress, Unwohlsein begleitet viele Menschen jeden Tag. Arbeit ist vielen Menschen lästig, reiner Gelderwerb. Die Folge: nur in der Freizeit fühle ich mich wohl. Am liebsten fliehen vor der Arbeit. Bewusste Trennung von Beruf und Leben. Die berühmte work-life-balance. Eigentlich ein Anachronismus, da kein Mensch zwei Personen zugleich ist, sondern immer nur eine. In der Freizeit kann ich nicht wirklich nachholen, was ich im Beruf vermisse. Berufsleben und Privatleben sollten kein Gegensatz sein. Ich werde als Person erst Eine, wenn ich in beiden Lebensfeldern glücklich sein kann. Die Flucht in eine schöne Privatwelt ist eine Flucht, die in aller Regel misslingt.

Dazu sollte ich meine Arbeit lieben. Konfuzius hat zu seinen Lebzeiten angeboten: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten“

Es ist schon erstaunlich, wie engagiert, freudig und hingebungsvoll Menschen arbeiten, wenn sie ihre Arbeit lieben. Wenn wir unsere Arbeit lieben, dann brennen wir für etwas, unser Herz geht auf. Wir alle kennen den Satz: „Das Leben hat nur so viel Sinn, wie Du ihm gibst.“ Das gilt auch für das Arbeitsleben. Es hat nur so viel Sinn, wie Du ihm gibst. Diese Sinnhaftigkeit, diese Liebe hat Folgen. Wir sind ausgeglichener, fröhlicher, positiv gestimmt. Das Lebensgefühl ist beschwingter. Wir freuen uns jeden Tag auf den Tag.

Für Khalil Gibran gilt: „Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.” Gleichzeitig ist es traurig
zu sehen, wie sehr Menschen leiden, wenn sie ihre Arbeit hassen. Dabei ist es
möglich, eine Arbeit zu finden, die ich liebe. Wir können ja einmal schauen, was das
Besondere ist an Menschen, wenn diese ihre Arbeit lieben. Was zeichnet sie aus?

Warum lieben Menschen ihre Arbeit?

  • weil sie neugierig sind auf jedes Neue, das ihre Arbeit für sie bereit hält.
  • weil sie Ihre Arbeit als sinnvoll erleben. Sie wissen, warum sie tun, was sie
    tun, und sie tun es gern.
  • weil sie den lateinischen Spruch age quod agis (tue das, was Du tust ganz)
    verinnerlicht haben.
  • weil sie auch Details mit Hingabe bearbeiten und/oder erledigen.
  • weil sie innehalten und sich freuen, wenn sie etwas gut erledigt haben.

Es ist schon erstaunlich, wie offen und fast schon aggressiv wir dafür werben,
weniger zu arbeiten. Aktuell wünscht sich die Gewerkschaft IG Metall die 28-
Stundenwioche, teilweise mit vollem Lohnausgleich. Der Grund? „Die Beschäftigten
wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen“, sagt die IG Metall. Klar, wenn der
Job keinen Spaß macht, suche ich den Spaß woanders. Aber hilft es tatsächlich den
Menschen, wenn sie weniger arbeiten müssen? Wir werden damit rechnen müssen,
dass im Rahmen der Digitalisierung in den nächsten 20 Jahren etwa die Hälfte aller
Jobs weg fällt. Geht es dann den Menschen besser, werden sie wohl glücklicher,
wenn sie nichts mehr tun müssen? Die Antwort ist nein, und nochmal nein. Es wird
darauf ankommen, ob wir Tätigkeiten finden, die uns ausfüllen, die Spaß machen,
und es wird darauf ankommen, ob es Unternehmen gelingt, Menschen Spaß und
Freude an der Arbeit, am Arbeitsplatz zu vermitteln. Denn wenn Arbeit Spaß macht,
Jemand gern tut, was er tut, dann sieht die Welt anders aus. Dann spielt die
Arbeitszeit keine Rolle mehr. Wer Spaß an seiner Arbeit hat, ist viel belastbarer, als
derjenige, der seine Arbeit hasst, als lästig empfindet. Also dürfen sich drei Gruppen
fragen, was unternehmen wir, damit Arbeit geliebt werden kann.

Die erste Gruppe ist die Gruppe der Arbeitnehmer. Was ist der Grund, weshalb ich
arbeite? Suche ich einen Job, der mir hilft, einmal der Reichste auf dem Friedhof zu
sein? Oder gibt es Tätigkeiten, die mir große Freude bereiten, denen ich mich
hingebungsvoll widme? Im Hobbybereich ist es doch so: ich wähle mein Hobby nicht,
weil es mir lästig ist, sondern weil es mir Freude macht. Übertrage doch einmal die
Motive für Dein Hobby auf Deine Arbeit. Wähle eine Arbeit, die den Kriterien eines
Deiner Hobbys entspricht. Was tue ich wirklich gern? Bei welchen Themen bin ich
interessiert und neugierig? Was will ich noch besser können, wo will ich lernen?
Dazu gehört auch die Beantwortung der Frage, was kann ich besonders gut? Lässt
sich daraus mein Lebens- und Geschäftsmodell entwickeln?

Für Arbeitgeber gilt: was müssen wir tun, damit unsere Mitarbeiter gern zur Arbeit
kommen? Welche Voraussetzungen müssen wir schaffen, damit unsere Mitarbeiter
sagen können: Hier fühle ich mich wohl, hier gehe ich gern arbeiten, hier kann ich
meine Möglichkeiten voll entfalten. Ein Arbeitgeber sollte sich ein Beispiel nehmen an
den Montessorischulen. Warum gehen Kinder gern zu dieser Schule? Weil sie dort
Spaß haben, sich wohlfühlen, begeistert lernen können, die Lehrer auf sie eingehen,
sie sich in ihrem Kind-Sein voll berücksichtigt erleben. So lernen dort Kinder einfach
gern. Sie freuen sich, zur Schule zu gehen. Und sie gehen oft genug schon weit vor
dem Beginn des Unterrichts zur Schule, um in der Bibliothek zu lesen und freiwillig
mehr zu lernen, als vielleicht im Unterricht vorgesehen ist, sich mit den schon
anwesenden Lehrern und Schülern zu unterhalten. Diese Kinder freuen sich, in der
Schule zu sein. Der Arbeitgeber sollte sich also immer fragen, was müssen wir tun,
damit sich unsere Mitarbeiter auf Ihre Arbeit freuen?

Und Gewerkschaften, die ja subsidiär die Interessen der Arbeitnehmer vertreten
müssen, sollten sich fragen, ob es im Interesse des Arbeitnehmers ist, nur weniger
zu arbeiten und mehr Geld zu verdienen oder ob das originäre Interesse der
Arbeitnehmer ist, einen Job zu haben, der sie erfüllt, den sie mit Hingabe ausfüllen
können. Wäre es für Gewerkschaften nicht sinnvoll, Arbeitgeber und Arbeitnehmer
darin zu unterstützen, den Spaßfaktor an der Arbeit zu erhöhen, also Forderungen zu
stellen, die nicht nur die Arbeitszufriedenheit im ergonomischen oder Hygienebereich
optimieren, sondern Modelle zu entwickeln, Vorschläge zu machen, die von einer
Arbeitszufriedenheit zur Arbeitsbegeisterung führt?

Aber Vorsicht. Den entscheidenden Einfluss auf mein Arbeitsglück, auf die Liebe zu
meiner Arbeit habe ich selbst. Es kommt auf mich an. Voraussetzungen können
Unternehmen und auch Gewerkschaften erzeugen. Die Liebe zur Arbeit erzeugen
können sie nicht. Das kann ich nur selbst.

Menschen sind sicher immer auf der Suche nach ihrem Glück, ihrem Lebensglück.
Die Antwort, wo finde ich Glück, liegt schon im Wort Glück, das ursprünglich vom
althochdeutschen Wort Gelükke stammt. Das war ein Tontopf, der einen Deckel
besaß, der den Tontopf völlig luftdicht abschließen konnte. Der Tontopf war damit
vollkommen gelungen. Wir kennen die Bedeutung nur noch in dem Satz: „Es ist mir
geglückt“, also gelungen. Damit ein Arbeitsleben glücklich ist, also gelungen, sollte
ich etwas tun, das ich liebe.

Der schon eben erwähnte Konfuzius hat das Glücklich-Sein einmal so beschrieben:
„Wenn du eine Stunde lang glücklich sein willst: schlafe.
Wenn du einen Tag lang glücklich sein willst: geh fischen.
Wenn du eine Woche lang glücklich sein willst: schlachte ein Schwein und verzehre
es.
Wenn du einen Monat lang glücklich sein willst: heirate.
Wenn du ein Jahr lang glücklich sein willst: erbe ein Vermögen.
Wenn du ein Leben lang glücklich sein willst: liebe deine Arbeit“.

Die junge Generation, die berühmte Generation Y kommt der Idee „ich liebe meine
Arbeit“ schon recht nahe. Die Generation Y sucht eine attraktive Arbeit, interessante
Projekte, an denen sie Spaß haben, mitzuarbeiten. Wenn der Arbeitgeber nichts
Interessantes zu bieten hat, sind sie weg. Die Bindung an ein Unternehmen ist für
diese Generation keine Frage des Verdienstes oder der Reputation des
Unternehmens. Es ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Sie fragen sich,
ist das, was ich tue etwas, mit dem ich mich identifiziere? Dann ist das Engagement
groß. Dann spielt Belastung keine Rolle, weil sie nicht als Belastung wahrgenommen
wird.

Steve Jobs hat das erkannt. In einer seiner berühmten Reden meinte er: „Deine
Arbeit wird die meiste Zeit deines Lebens beanspruchen und die einzige Art und
Weise, wirklich zufrieden zu sein, ist zu tun, was deiner Meinung nach eine großartige
Arbeit ist. Und die einzige Art und Weise, großartige Arbeit zu leisten, ist zu lieben,
was du tust.“

Also: suchen wir das, was uns unsere Arbeit lieben lässt. Es lohnt sich für den Rest
unseres Lebens.