Macht ist gefährlich

Herr Tönnies hat mal richtig einen rausgehauen, kein Blatt vor den Mund genommen. Gäbe es mehr Kraftwerke in Afrika, dann „würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“, posaunte er bei einem Vortrag für die Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe heraus. Das Publikum war erst still, vielleicht irritiert. Dann aber hat es kräftig applaudiert. Im Publikum saß übrigens auch der Erzbischof Hans-Josef Becker. Das ist der zweite Skandal.

Im Moment der Äußerung fand Herr Tönnies seine Aussagen völlig in Ordnung. Er hat offensichtlich ein Menschenbild, das geprägt ist von der Ablehnung einer bestimmten Hautfarbe und der Ablehnung der Lebensführung. Und dies hat er in einer äußerst abfälligen Form geäußert.

Der dritte Skandal ist die Reaktion des Ehrenrats von Schalke 04. Rassistisch nein, diskriminierend ja. Die Sanktion: mach mal drei Monate Pause. That´s it!!!

Die Frage ist, wieso kann so etwas passieren? Menschen, die Andere klein machen und diffamieren, haben psychologisch betrachtet wahrscheinlich Minderwertigkeitskomplexe. So konnte Herr Tönnies seine eigene Größe nur dadurch sichern, dass er andere Menschen klein macht, diffamiert. Das wird dann zur Lebenseinstellung, die sich nicht nur in öffentlichen Reden äußert, sondern auch im konkreten Umgang mit anderen Menschen offenbar wird. Motto: ich kann nur dann größer erscheinen, wenn ich andere klein mache. Wie armselig.

Aber reicht diese Erklärung? Nein. Die Ursache für solch ein Verhalten liegt nicht unbedingt im Charakter, es liegt an der Macht, die jemand besitzt.

Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. (Lord Acton)

Alle Untersuchungen, die es über Macht gibt, sagen ziemlich eindeutig, dass Macht korrumpiert, auch die Ehrlichen, auch die Anständigen, die Redlichen. Gib Menschen Macht, und sie missbrauchen Sie. Nicht alle, aber die meisten. In verschiedenen Tests zum Umgang mit Macht gaben 80 Prozent der Probanden vorher an, gute Führung ist nie asozial. Im Test selbst hielten sich nur 20 Prozent an ihre eigene Vorgabe. Der Rest hat sich konsequent auf Kosten anderer bereichert, sobald Macht dies zuließ.

Sympathie macht mächtig. Macht macht unsympathisch.

Warum passiert das? Woran liegt das? Dazu gilt es zu fragen, wie kommt jemand an Macht? Dazu gilt es zu fragen, wie macht jemand Karriere? Interessanterweise fördern soziale Eigenschaften wie Empathie, Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, auch Extrovertiertheit die Akzeptanz und den Respekt durch andere. Dem Empathischen wird natürliche Autorität zugesprochen. Nun beginnt die Macht. Der nette Kollege wird gefragt, seine Meinung wird wichtig. Dann geht es langsam los. Der nun Mächtige kommt auf einmal in Meetings zu spät, nimmt sich immer das größte Stück vom Kuchen.

Macht korrumpiert auch die Ehrlichen und Redlichen

Das Blöde ist, Macht verrät zunächst nichts über den Charakter. Macht verändert unmerklich die Einstellungen eines Menschen. Empathie verschwindet, die Interessen anderer kümmern den Mächtigen einen feuchten Kehricht. Stattdessen regiert der Egoismus. Regeln gelten nur für die anderen, nicht für den Mächtigen. Man muss kein mieser Charakter sein, um mächtig werden zu wollen, jedoch verändert Macht den Charakter hin zum Miesen. Selbst ehrliche und redliche Menschen können durch Macht zu ziemlich miesen Typen werden, haben Schweizer Forscher herausgefunden. Interessant bei den Forschungsergebnissen war auch, dass hohe Testosteronwerte dafür sorgen, den korrumpierenden Effekt der Macht zu vergrößern. Ehrliche Menschen haben in diesen Tests nur zu Beginn sozial gehandelt. Nach mehreren Spielen nutzten auch sie ihre Macht aus zum eigenen Vorteil und zum Nachteil der Mitspieler

Was ist die Lösung?

Untersuchungen zeigen, dass die Suche nach vertrauenswürdigen und redlichen Managern nicht reicht. Forscher schlagen starke Organisationen vor, die konsequente Kontrollmechanismen etabliert haben. Forscher behaupten, dass nur starke, kontrollierte Institutionen vor Korruption schützen.

Nun sollte man Macht nicht per se verteufeln. Solange sie den Menschen dient, die diese Macht nicht besitzen, und nicht egoistisch genutzt wird, ist zunächst mal alles okay. Gefährlich ist immer der Machtmissbrauch.

Transparenz hilft.

Je intransparenter ein Unternehmen ist, je mehr Zulieferer aus der ganzen Welt am Produktionsprozess beteiligt sind, desto ignoranter und undurchsichtiger werden Menschen und Prozesse. Die Digitalisierung und KI unterstützen leider die Intransparenz. So kann Fehlverhalten weniger gut ermittelt werden. Obwohl z. B. der Dieselskandal seit 2015 bekannt ist, machte Audi mit den Manipulationen fröhlich weiter bis 2019.

Kann der Verbraucher mit Kaufverweigerung korrigieren?

Die Macht des Verbrauchers als Korrektiv gegen Machmissbrauch ist leider kleiner als behauptet. VW ist bestes Beispiel, trotz des Dieselskandals (und weiterer Skandale wenige Jahre zuvor), trotz der hohen Milliardenstrafen; das Unternehmen hatte 2018 das beste Geschäftsergebnis aller Zeiten. Leider unterliegt auch der Verbraucher dem Machtmissbrauch durch seinen Egoismus. Beraten lasse ich mich beim HI-FI-Fachhändler, um anschließend meine Stereoanlage im Internet zu kaufen.

Kleine Einheiten sind überschaubarer

Je größer ein Unternehmen ist, desto anonymer wird die Zusammenarbeit. Das fördert den Machtmissbrauch. Kleine Businessunits, wo jeder noch jeden kennt, haben weniger machtbesessene Manager.
Welches Interesse hat der ‚Mächtige‘?
Die Interessenslage sollte immer geprüft werden. Schon Aristoteles meinte „nemo gratis mendax“, niemand lügt ohne Grund. Du darfst also nur dann jemandem etwas glauben, wenn die Aussage den Interessen des Sprechers wiederspricht, oder wenn zwei unterschiedliche interessierte Quellen das Gleiche berichten. Weltweit haben wir derzeit das Problem, dass die weltumspannenden Unternehmen in jedem Land ihre eigenen, gleichen Wirtschaftsinteressen vertreten, während die Politik weltweit eher zerstritten ist. Wie soll dann die politisch die Kontrolle der Wirtschaft möglich sein? Das Primat der Wirtschaft ist leicht erkennbar. Ein Primat der Politik sehe ich nicht.

Die schwierigste Aufgabe wird es wohl sein, bewusst auf Macht zu verzichten. Ein altes Sprichwort meint dazu: „Kein Abschied fällt so schwer, wie der von der Macht!“

Ulf Posé