Papa, sind wir in unserem Lande noch gerecht?

Max kam heute etwas früher als sein Bruder aus der Schule.

„Es gibt erst um 14.00 Uhr etwas zu essen. Der Consti kommt erst gegen zwei Uhr“, begrüßte ihn Mama.

„Ja, ich weiß“, erwiderte Max. „Ich geh´ so lange noch auf mein Zimmer.“

Das war jede Woche donnerstags so. Aber heute hatte Mama das Gefühl, als würde Max etwas bedrücken: „Du bist so still. Ist irgendwas“, fragte Mama.

„Och nö, eigentlich nicht“, wehrte Max ab.

„Und uneigentlich“, insistierte Mama. Sie bekam sehr gut mit, wenn bei ihren Söhnen etwas nicht stimmte. „Komm Max, Du hast doch was“, legte sie nach.

„Ich hab eigentlich nichts. Alles in Ordnung. Aber der Dennis…“ Max kam nicht weiter, Mama fiel ihm fast ins Wort: „Der Dennis? Was ist denn mit Dennis? Ist er krank, verunglückt oder so“, wollte sie besorgt wissen.

„Nein, Mama, es geht ihm gut. Aber er hat mir heute erzählt, dass sein Kindergeld vom Hartz IV Geld von seinem Vater wieder abgezogen wird.“

Dennis war ein guter Freund von Max. Die Eltern von Dennis hatten sich vor vier Jahren scheiden lassen. Dennis hatte sich damals dafür entschieden, bei seinem Vater wohnen zu bleiben. Er verstand sich mit seinem Vater sehr gut. Aber wie das Schicksal es manchmal so will, verlor sein Vater seine Arbeit und fand seitdem keine neue mehr. Er war halt schon zu alt, hieß es bei Bewerbungen immer. Mit 56 Jahren war ein neuer Job in seiner Branche nicht zu finden. Und so landete der Vater am Ende bei Hartz IV.

„Wie viel Geld kriegt denn ein Hartz IV Empfänger“, wollte Mama wissen. Das Problem eines Arbeitslosen hatte die Familie nicht. Papa war selbständig, verdiente gut, und Mama konnte sich den Luxus leisten, sich um die Familie zu kümmern, ohne eine Stelle annehmen zu müssen. Als Papa und Mama heirateten und beschlossen, auch Kinder haben zu wollen, meinte Mama damals: „Ich möchte gern meine Kinder selbst erziehen. Ich möchte für die Familie da sein können. Daher möchte ich aufhören zu arbeiten, wenn wir Kinder bekommen.“

Papa war sofort einverstanden. Als die Kinder größer wurden, fanden sie es immer toll, dass mittags jemand zuhause war, dem sie alles erzählen konnten. Sie fühlten sich gut umsorgt, auch wenn Mama darauf verzichtete, ihre Kinder zu jedem Ereignis mit dem Wagen hinzufahren: „Sie sollen selbständig sein. Da müssen sie halt mit dem Bus zur Schule. Ich halte nichts davon, seine Kinder immer nur hin- und her zu kutschieren.“

Die Familie wusste um das Privileg, ein Elternteil jederzeit zuhause zu wissen. Das konnten sich nicht unbedingt viele Familien leisten. Die meisten Familien, die sie kannten, brauchten zwei Verdiener, um die Familie unterhalten zu können.

„Dennis hat gesagt, der Hartz IV Satz beträgt 399,00 Euro. Das ist sicher nicht sehr viel“, meinte Max bedauernd.

„Nicht sehr viel? Das ist verdammt wenig“, erregte sich Mama. „Das wusste ich nicht.“

„Es kommen noch weitere Gelder hinzu. Da ist das Wohngeld oder das Amt zahlt gleich an den Vermieter. Und dann gibt es noch weitere Zuwendungen. Aber im Kern bekommt ein Hartz IV Empfänger 399 Euro“, betonte Max noch einmal.

„Und was ist jetzt das Problem?“ Mama wollte es immer genau wissen. Sie fragte gern nach.

„Das Problem ist, dass der Dennis ja noch Kindergeld vom Staat bekommt. Das sind 150 Euro.“

„Aber das ist doch kein Problem, das ist doch schön. Dann sind es keine 399 Euro mehr sondern 549 Euro.“ Mama lächelte Max beruhigend zu. „Das ist doch gut und hilfreich für die beiden“, unterstrich sie noch einmal.

„Ne, so ist das nicht.“ Max schüttelte den Kopf. „Der Dennis hat mir erzählt, dass diese 150 Euro Kindergeld vom Harz IV Geld seines Vaters wieder abgezogen werden.“

„Ach, das ist ja komisch“, verwunderte sich Mama. „Ist das wirklich so?“

„Papa weiß das bestimmt“, meinte Max etwas missmutig. Er warf seinen Rucksack in die Diele, und wollte auf sein Zimmer gehen. „Ich finde das total ungerecht. Und unsere Politiker schwätzen ständig von sozialer Gerechtigkeit. Wo bleibt die hier?“

Max war durchaus empört, und wollte in sein Zimmer stiefeln. Papa war gerade zur Tür herein gekommen, um mit seiner Familie zu Mittag zu essen. Er hatte den letzten Satz von Max noch mitbekommen: „Was ist los mit der sozialen Gerechtigkeit? Ist die hier irgendwie verloren gegangen?“

Papa lächelte seine Frau und seinen Sohn an: „Was ist los?“

Mama erzählte ihm die Geschichte von Dennis. Max nickte bestätigend.

„Da können wir ja heute beim Mittagessen versuchen, das einmal zu klären“, beschwichtigte Papa die Aufregung der beiden. „Wo ist denn Consti?“

„Der kommt gleich. Essen ist auch gleich fertig“, beschwichtigte Mama. „Oh Gott, das Fleisch!“

Mama flitzte in die Küche, denn sie hatte durch das Gespräch in der Diele die Küche aus den Augen verloren. Aber es war alles im grünen Bereich, auch wenn das Fleisch ein wenig dunkler gebraten war, als sonst. Consti kam zur Tür herein, und legte gleich los:“ Hier riecht´s aber etwas verbrannt, Mama.“

Die Familie setzte sich an den Mittagstisch. Alle schwiegen. Consti schaute in die Runde, und fragte dann: „Habe ich irgendetwas verpasst? Ist irgendwas Besonderes?“

Max weihte ihn ein, und erzählte von seinem Gespräch mit Dennis. Consti kannte Dennis natürlich. „Mann, dann leben die beiden ja gerade mal von 399 Euro im Monat“, entfuhr es ihm entsetzt.

Papa schüttelte den Kopf: „Nein, das stimmt so nicht. Wie alt ist Dennis“, wollte er wissen.

„Dennis ist 17 Jahre alt“, erklärte Max

„Dann bekommt er ebenfalls Unterstützung neben dem Kindergeld. Das sind 80 Prozent des Regelsatzes für Erwachsene. Vor 2005 waren es sogar einmal 90 Prozent.“

Consti rechnete. „Das sind dann 319,20 Euro. Dann steht den beiden ein Betrag von 718,20 Euro pro Monat zur Verfügung.“

„Stimmt“, nickte Max. „Aber das ist ja immer noch ungerecht. Das ist verdammt wenig.“

„Ob das ungerecht ist, weiß ich nicht“, meinte Papa nachdenklich. „Vielleicht ist es unangemessen wenig.“

„Aber Papa, ich finde das sozial ungerecht. Ich muss mich doch ernähren können, und ab und zu auch mal ins Kino gehen dürfen, und mir auch ab und zu mal einen Urlaub leisten können und so.“ Max war mit der Ausführung seines Vaters nicht einverstanden. Obwohl er noch einwarf: „Und unangemessen finde ich es auch. So!“

„Dann lasst uns erst mal essen. Danach können wir das mit der Gerechtigkeit und dem Sozialen mal versuchen zu klären“, warf Papa beruhigend ein.

Das Essen verlief etwas schweigsamer als sonst. Als alle fertig waren, und Max an die Espressomaschine ging, um für alle einen Espresso einzugießen, platzte er noch im Gehen heraus: „Und wie ist das jetzt mit der sozialen Gerechtigkeit?“

„Na, dann fangen wir mal an. Also!“ Papa holte tief Luft. “Wer die soziale Gerechtigkeit klären will, sollte zunächst einmal wissen, was Gerechtigkeit ist. Dann können wir prüfen, was an der Gerechtigkeit das Soziale sein kann. Also, wer möchte?“

Papa schaute seine Söhne an. Beide schauten erwartungsvoll zurück. Dann sagte Max: „Was meinst Du mit, wer möchte?“

„Wer möchte mir sagen, was Gerechtigkeit ist, das wollte ich wissen.“

Max überlegte: „Gerechtigkeit? Das hatten wir. Das hatten wir. Gerechtigkeit ist das abwägende Urteil ohne Ansehen der Person.“

„Wo hast Du das denn her“, fragte Conne verblüfft.

„Das habe ich selbst entworfen. Das stammt von mir.“

„Das gefällt mir“, meinte Papa, „und wie bist Du darauf gekommen?“

„Ganz einfach. Ich habe mir Justitia vorgestellt. Die Dame, die in fast jedem Gerichtsgebäude als Skulptur zu sehen ist. Mit verbundenen Augen, einer Waage in der einen und einem Schwert in der anderen Hand. Verbundene Augen meint doch ohne Ansehen der Person. Das Schwert ist das Urteil oder auch die Strafe, und die Waage meint so etwas wie ausgewogen oder abwägend.“

Max war zufrieden. Er hatte mal eine Vorgabe geliefert. Das müsste auch Conne, Mama und Papa gefallen. Zumal Papa immer erst eine Definition verlangte, bevor ein Sachverhalt geklärt wurde.

„Ich will doch wissen, was Du meinst, und nicht nur wissen ob Du Wörter ohne Inhalt benutzt.“ Aber das war eine ganz andere Geschichte, die Max irgendwann mit seinem Vater besprechen wollte, um herauszufinden, warum das so wichtig sein soll. Jeder wisse doch schließlich, was mit einem Wort gemeint sei, war seine Überzeugung.

„Hast Du ´ne bessere Definition“, wollte Max schließlich von seinem Vater wissen.

„Eine bessere? Weiß ich nicht, aber eine ergänzende“, erwiderte Papa. „Sie stammt von Ulpian. Das war ein römischer Jurist, der so um die 200 nach Christus gelebt hat. Der hatte eine Definition, die in Teilen später von Cicero und dem römischen Kaiser Justitian so um 500 nach Christus übernommen wurde.“

„Aber kann man Gerechtigkeit überhaupt definieren? Gibt es da nicht wahnsinnig viele Möglichkeiten, weil jeder etwas anderes darunter versteht“, fragte Consti nach.

„Da hast Du ja schon mal einen Ansatz.“

„Wie, einen Ansatz?“

„Einen Definitionsansatz.“ Papa nahm Constis Überlegung zum Anlass, genau dort zu beginnen. „Du sagst doch, jeder würde etwas anderes darunter verstehen, ist doch richtig oder“; hakte Papa nach.

„Klar doch“, betonte Consti.

„Ja, dann ist das Individuelle sicher ein Teil der Gerechtigkeit, vielleicht sogar ihr Ursprung, ganz im Gegensatz zu der mittelalterlichen Idee, dass Gerechtigkeit die Sache Gottes sei, es also nur eine göttliche Gerechtigkeit geben könne. Aber wer kennt die schon? Ich jedenfalls habe mich mit Gott darüber noch nicht unterhalten können.“

Papa lächelte ein wenig in sich hinein. Es hatte schon früher immer wieder einmal Gespräche in der Familie gegeben, warum und wieso manche Menschen glauben, dass Gott so etwas wie eine Person sei, mit der man sich unterhalten könne, oder die zu einem sprechen würde. „Aber nicht wenige Menschen haben das jahrhundertelang behauptet und nicht wenige Menschen haben das jahrhundertelang geglaubt“, meinte Papa dann, und: „So werden Menschen manipuliert. Irgendjemand behauptet, er wisse, was der liebe Gott wolle, und deswegen müsse man ihm folgen.“ Wenn Papa so etwas sagte, dann schüttelte er immer völlig verständnislos den Kopf.

„Du wolltest Gerechtigkeit definiert wissen, Papa“, führte Max seinen Vater zum Ursprungsgedanken zurück.

„Ja, Ihr beide wart ja schon nahe dran. Ulpian, ihr erinnert Euch?“

„Klar, fast 2000 Jahre schon tot“, warf Consti ein.

„Dieser Ulpian war ja Jurist. Und er hatte ein besonderes Rechtsverständnis. Er meinte, Gerechtigkeit sei der feste Wille, einem jeden Menschen sein Recht zukommen zu lassen.“ Papa schwieg. Er wartete ab, wie das auf seine Söhne wirkte.

„Also damit kann ich leben. Das hat was“, meinte Max bestätigend. Und Consti nickte.

„Wenn es in der Gerechtigkeit darum geht, Jedem sein Recht zukommen zu lassen, dann ist Gerechtigkeit doch etwas sehr Individuelles, oder“, wollte Conne wissen.

„Und etwas Internationales zugleich, denn das Menschsein macht ja an Grenzen nicht halt, nicht wahr“, meinte Papa lächelnd.

„Das kommt auf die Situation an oder auf den jeweiligen Maßstab, den ich für gerecht halte“, schob Max hinzu.

„Und damit sind wir beim Problem der Gerechtigkeit“, setzte Papa fort. „Es kommt auf die jeweilige Ethik an, die ich als Maßstab zu Grunde lege. Denn Gerechtigkeit ist eine der Kernfragen der Ethik. Immer wenn öffentlich mehr Gerechtigkeit gefordert wird, dann zeigt das oft nur Eines: dass es uns an geeigneten Maßstäben fehlt, um zu beurteilen, ob gerecht gehandelt wurde oder nicht. Das Problem der Gerechtigkeit wird sich jedenfalls nicht dadurch lösen lassen, dass Gerechtigkeit daran gemessen wird, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen damit einverstanden sind oder nicht.“

Max überlegte. Dann meinte er: „Die Festlegung, was Gerechtigkeit wohl ist, kann ja kaum neu sein. Das hat sicher die Menschen schon immer beschäftigt.“

Papa nickte: „Ja, das wollten schon die alten Griechen wissen.“

Consti stöhnte leicht auf: „Die alten Griechen, jetzt geht´s los. Papa ist in seinem Element.“

Papa schmunzelte. Griechische Philosophie, das war sein Steckenpferd. „Also“, setzte er an, „Schon in der Antike war die Frage der Gerechtigkeit Gegenstand intensiver philosophischer Debatten. Aristoteles und sein Lehrmeister Platon begründeten die Prinzipien von Gerechtigkeit mit der Einhaltung von sozialen Normen.“

„Dann war Gerechtigkeit zunächst eine Frage der Justiz? Des Rechts?“, warf Max ein.

„Ja“, nickte Papa bestätigend, „den alten Griechen ging es um das Recht. Aristoteles vertrat in seiner ‚Nikomachischen Ethik’ eine Tugendethik, in der das ‚Rechte‘ dann getan war, wenn ein für die Gesellschaft gemeinsames Gut verwirklicht wurde. Gerechtigkeit war für ihn die vornehmste aller Tugenden.“

„Gerechtigkeit war eine Tugend“, warf Consti fragend ein.

„Ja, Tugenden sind dabei letztlich Dispositionen, die es einem Menschen möglich machen, nach dem Guten zu streben. Dazu muss natürlich das Gute definiert werden. Aristoteles, als Begründer der philosophischen Disziplin Ethik, war der Überzeugung, dass ein Menschenleben nur dann gelingen kann, wenn es glücklich, gesegnet, erfolgreich ist. Der Fachbegriff dafür war die Eudaimonia. Ein Bürger konnte seiner Meinung nach nur dann diese Eudaimonia erreichen, wenn er das Wohl der anderen Bürger mehrte.“

„Eudaimonia hast Du uns schon einmal erklärt“, unterbrach Max seinen Vater.

„Ja, das hatten wir schon“, nickte auch Consti.

Max fuhr weiter fort: „Dann war das Gute also das Wohl der anderen Bürger. Und wer das anstrebte, handelte gerecht.“

„Im Kern ja. Aber ich denke, das Wohl der Bürger kann ich ja auch mit miesen Methoden erreichen, hypothetisch zumindest. Das scheint mir dann aber nicht sehr gerecht zu sein“, gab Consti zu bedenken.

„Das versuchte Aristoteles mit seiner Ethik in den Griff zu kriegen. Er hat schon damals verschiedene Gerechtigkeiten voneinander unterschieden“, führte Papa weiter aus. „Er kannte die Regelgerechtigkeit, die ausgleichende Gerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit.“

„Aha. Und was genau sind diese drei Gerechtigkeiten“, fragte Max nach.

„Für ihn war Regelgerechtigkeit dann vorhanden, wenn man den Gesetzen folgte. Komischerweise wurde nach der Berechtigung der Gesetze nicht gefragt. Die ausgleichende Gerechtigkeit war für ihn das ordnende Prinzip, wenn es um die gesellschaftlichen Beziehungen ging. Also die Art, wie Kauf- oder Dienstverträge zu gestalten sind oder wie Straftatbestände zu behandeln sind. Die verteilende Gerechtigkeit befasst sich mit der Verteilung des vorhandenen Vermögens.“

„Siehste, da kommt also die soziale Gerechtigkeit her“, entfuhr es Consti.

„Nicht so ganz“, verneinte Papa. „Aristoteles war gegen eine Gleichverteilung. Er war dafür, nach Leistungen und Fähigkeiten zu verteilen. Das war für ihn gerecht.“

„Und das gilt bis heute?“, wollte Max wissen.

„Nein, es kam ja noch der Römer Ulpian, dessen Definition wir eben erwähnt haben. Ich finde, eine äußerst hilfreiche, und nützliche Definition. Kennzeichnet sie doch genau das, was die meisten Menschen unter Gerechtigkeit verstehen. Wir sollten Ulpian dankbar sein.“

„Wie ich Dich kenne, Papa, war das noch nicht alles.“ Consti forderte mit einer animierenden Handbewegung Papa auf, noch mehr zur Gerechtigkeit zu sagen.

„Ja, die Geschichte der Gerechtigkeit geht noch weiter. Im Mittelalter hat Thomas von Aquin sich damit befasst. Er verband die aristotelische Tugendlehre so um 1250 herum mit den damals herrschenden christlichen Anschauungen. Auch er teilte die Gerechtigkeit in drei Kategorien ein. Die Tauschgerechtigkeit.“

„Also die Vertragsgerechtigkeit“, warf Max ein.

„Ja, dann die Verteilungsgerechtigkeit und die Gesetzesgerechtigkeit“, führte Papa weiter aus. „Darauf basiert übrigens auch heute noch unsere Unterscheidung zwischen Rechten aufgrund von Verträgen, Rechten auf Grund von Gesetzen und Rechten aufgrund der Tatsache, dass Menschen Menschen sind. Grundsätzlich aber ging Thomas von Aquin davon aus, dass jedem Menschen innerhalb der göttlichen Ordnung ein Platz zugewiesen worden sei. Gerechtigkeit war für ihn Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung.“

„Wer kennt die schon“, warf Conne theatralisch ein: „Aber Papa, das ändert aber freilich nichts daran, dass Menschen mit ihrer Lage unzufrieden sind, und sich daher von der Gesellschaft, dem Schicksal, ihrem Leben ungerecht behandelt fühlen, nicht wahr?“

„Ja, das denke ich auch“, setze Papa fort, „die Geschichte der Gerechtigkeit geht aber noch weiter. Im 17.Jahrhundert gab es eine englische Partei, die Utilitarier, die genau dieses Problem lösen wollte, und daher ihre politischen Ziele danach ausrichtete, was den meisten Menschen gut tat. Diese Politiker waren nur am Spaß interessiert. Dass daraus eine Ethik-Richtung wurde, konnte niemand ahnen. Der Vordenker war Jeremy Bentham, später kamen noch James Mill und John Stewart Mill hinzu. Laut Bentham sollte das persönliche größtmögliche Glück mit dem gesellschaftlichen größtmöglichen Glück zusammenfallen. Das sei bei der bestehenden Sozialordnung nicht der Fall. Also ist diese zu ändern.“

„Wenn das gelungen wäre, dann dürfte es heute ja keine unzufriedenen Menschen mehr geben, die sich benachteiligt fühlen, oder“, fragte Consti.

„Da wir heute aber jede Menge Leute haben, die unzufrieden sind, oder sich benachteiligt fühlen, kann die Idee der Utilitarier nicht funktioniert haben“, gab Max zu bedenken.

„Nicht so richtig“, bestätigte Papa Max´ Überlegungen. „Die Utilitarier wollten juristische, soziale und wirtschaftliche Reformen, um mehr Gerechtigkeit herzustellen. Sie verlangten die Maximierung des Glücks. Einzige Triebfeder dabei war das Lustprinzip. Das Prinzip dieser Ethik lautete: ‚Handele und entscheide Dich stets so, dass das Glück der meisten Menschen gefördert wird‘.“.

„Da tauchen ja gleich Probleme auf“, überlegte Max. „Diese Glücksmaximierung kann ganz schön den Egoismus fördern. Und mir fällt auf, wenn das Glück der meisten größer wird, was ist denn dann mit den Minderheiten“, wollte er noch wissen.

„Im Utilitarismus war das absolute Mehrheitsprinzip die Regel. Dass darin einige Fehler lagen, ist Dir ja auch schon aufgefallen, fiel den Menschen schon damals sehr schnell auf.“

„Ja und was haben sie damals gemacht“, fragte Conne.

„Sie haben den Utilitarismus um eine soziale Variante erweitert“, erklärte Papa. „Der Typ, der das in die Wege leitete, war John Stewart Mill. Er meinte die Vorstellung vom Glück sei falsch und die Herleitung der Ethik aus der Psychologie eher problematisch.“

„Und was war nun das Ergebnis seiner Überlegungen“, wollte Max wissen.

Papa versuchte sich zu erinnern: „John Stuart Mill wollte mit seinem Sozial-Utilitarismus zwar immer noch das Glück der meisten Menschen, aber nur dann, wenn den Minderheiten mindestens dadurch nicht geschadet wurde. Außerdem meinte er, hätten die Begründer des Utilitarismus nicht bedacht, dass Glück eine Größe ist, die man nicht sauber definieren kann. So entstand eine weitere Idee: sozial-utilitaristisch handelte man dann, wenn sich aus dieser Handlung Vorteile für die Schwachen einer Gesellschaft ergeben. So wollte man Gerechtigkeit herstellen.“

Max unterbrach seinen Vater: „Moment, wie kann man denn Glück überhaupt oder Nutzen quantifizierbar und somit bestimmbar machen? Da gibt es doch ständig einen Konflikt zwischen kollektivem Vorteil und individuellem Vorteil.“

„Richtig erkannt“, bestätigte Papa seinen Sohn. „Dieser Konflikt wurde erst 1971 bearbeitet.“

„1971? Das sind ja runde 200 Jahre, bevor es mit der Gerechtigkeit weiter ging“, überlegte Consti laut.

„Nicht wirklich. Fragen der Gerechtigkeit wurden immer wieder von Philosophen bearbeitet. Aber 1971 hat der Philosoph John Rawls den Versuch unternommen, diesen Mangel zu beheben. Er entwickelte damals eine Theorie um herauszufinden, wie ein fairer und gerechter Umgang zwischen Menschen hergestellt werden kann. Es ging ihm in einem fiktiven Spiel darum Menschen herausfinden zu lassen, wie ihr Zusammenleben optimal, und damit gerecht zu gestalten sei. Da auch Rawls Talent, Fähigkeiten und Aussehen nicht verteilen konnte, reduzierte er sein fiktives Spiel auf die Ökonomie. Das Spiel sollte zu einer gerechten Lösung im Sinne einer Verteilungsgerechtigkeit führen.“

„Das könnte den Dennis interessieren“, warf Max ein

„Den Dennis? Wieso“, wollte Consti wissen.

„Na ja, vielleicht hat der Rawls ja eine Lösung für Harz IV Empfänger und die Verwendung des Kindergeldes“, erläuterte Max.

Dennis Kindergeld war der Auslöser für die heutige Gesprächsrunde gewesen. Das hatten alle drei ein wenig aus dem Auge verloren.

Papa griff den Einwand von Max auf: „Ja, Rawls könnte eine Lösung liefern, wenn man seine Theorie auch gesetzlich auf Probleme wie Hartz IV anlegen würde. Aber schauen wir erst einmal, was Rawls sich ausgedacht hat. Er hatte eine clevere Idee. Er gab in einem Spiel vor, dass kein Spielteilnehmer wissen wird, ob das Schicksal ihn auf die Sonnenseite oder die Schattenseite des Lebens katapultieren wird. Beide Spielteilnehmer sollten jedoch gemeinsam festlegen, wie eine vorhandene Summe auf die beiden verteilt werden darf, also was derjenige verdienen darf, der auf der Schattenseite landet, und was der verdienen darf, der auf der Sonnenseite landet. Zunächst mussten die Spieler festlegen, welchen Lohn derjenige erhalten soll, dem es später nicht so gut geht, wie dem anderen Mitspieler. Da beide Mitspieler nicht wussten, wer von Ihnen später derjenige sein wird, der weniger verdienen wird, als der andere Mitspieler, waren beide Mitspieler sehr daran interessiert, für einen fairen Lohn  zu sorgen. Es ging darum, dass auf jeden Fall genügend Geld für Wohnung, Ernährung, Urlaub, Ausbildung der Kinder vorhanden sein muss. Es ging nicht unbedingt darum große Sprünge machen zu können, aber regelmäßige Gehaltsaufbesserungen oder Beförderungen sollten auf jeden Fall dabei sein. Nachdem die beiden sich geeinigt hatten, wurde darüber verhandelt, was derjenige bekommen soll, der auf der Sonnenseite landet. Auch hier kam es zur Einigung. Wer ordentlichen Nutzen bietet, der soll auch ordentlich verdienen. Beide dachten ebenfalls daran, dass dieses außerordentliche Gehalt eine soziale Akzeptanz benötigt. Die beiden einigten sich darauf, dass der Besserverdienende ein Gehalt benötigt, dass auch von demjenigen akzeptiert werden kann, der deutlich weniger verdient.“

„Das ist ja mal ein interessantes Modell“, entfuhr es Consti.

„Aber es ist doch recht fiktiv, da es so eine große Unbekannte bei Löhnen und Gehältern nicht wirklich gibt“, gab Max zu bedenken.

„Das ist sicher richtig, Max“, antwortete Papa, „aber es zeigt auf, wie wichtig die Akzeptanz ist, wenn es um gerechte Entlohnung oder um gerechte Unterstützung wie bei einem Hartz´IV Empfänger geht, denn der Hartz IV Empfänger ist ja nun nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens gelandet, nicht wahr?“

Seine Söhne nickten beide.

„Die Überlegung von Rawls geht aber noch weiter“, setze Papa fort, „erst nach der Einigung beider auf beide Lohngrößen wurde per Zufallsgenerator festgelegt, wer zukünftig welchen Lohn bekommen wird. Interessant war, wie fair die Mitspieler bei der Festlegung der sehr unterschiedlichen Löhne miteinander umgingen. Diese Verhandlung führte bei beiden zu einem Lohn, der von beiden als gerecht empfunden wurde.“

„Aber es bleibt ein theoretisches Modell, Papa. Kann das denn überhaupt etwas nutzen“, wollte Max wissen.

„Einmal abgesehen davon, dass Theorie eigentlich nur gut durchdachte Praxis sein sollte, ja, es ist ein theoretisches Modell“, erläuterte Papa weiter, „Für Rawls war es möglich, spieltheoretisch zu ermitteln, was alle Beteiligten zur Findung der gerechten Entlohnung überlegen müssen. Er stellte die entscheidende Frage: ‚Welches Prinzip setzen wir ein, damit keiner geschädigt wird und der größte Nutzen der größten Zahl erreicht wird?‘ Rawls zeigte in seinem Spiel auf, dass alle Spieler bei der Einigung auf ihre Gehälter grundsätzlich folgende Spielregeln entwickelten: Erstens haben alle gleiche Grundrechte und Grundpflichten. Zweitens sind soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten nur dann gerecht, wenn sich daraus Vorteile für alle ergeben, vornehmlich für die schwächsten Mitspieler.“

Max überlegte: „Damit ließ sich ja endlich die Frage lösen, wie kann die Verteilung des Nutzens auf die einzelnen rational begründet werden.“

„So sieht die Welt aber nicht aus. In den meisten Fällen sind doch die Chancen schon lange vor der Berufswahl verteilt“, gab Consti zu bedenken.

„Ja“, bestätigte Papa, „und es kommt noch etwas dazu. Wahrscheinlich wählen die meisten Menschen immer eine Lösung, die ihnen persönlich am meisten hilft. Und Rawls scheint vergessen zu haben, dass es auch Rechte geben kann, die jemand aufgrund seiner Leistungen erworben hat.“

„Und damit ist das Modell unbrauchbar“, setzte Max seinen Schlusspunkt.

„Hartes Urteil Max, aber es zeigt auf, dass es durchaus auch heute immer wieder Überlegungen gibt, wie Gerechtigkeit aussehen kann, und wie man sie herstellt“, beendete Papa seine Ausführungen.

„Also“, fasste Max zusammen, „Gerechtigkeit ist der feste Wille, einem jeden Menschen sein Recht zukommen zu lassen. Und dabei Unterscheiden wir Vertragsgerechtigkeit, Gesetzesgerechtigkeit, Menschenrechte, Verteilungsgerechtigkeit.“

„Und dann sind noch die Gerechtigkeiten der alten Griechen, die Regelgerechtigkeit, die ausgleichende Gerechtigkeit und die Verteilungsgerechtigkeit“, ergänzte Consti.

„Aber Papa“, fragte Max weiter, „damit ist mir immer noch nicht ganz klar, was denn nun die soziale Gerechtigkeit ist. Das musst Du noch erklären.“

Papa nickte: „Ja, ich denke Gerechtigkeit haben wir geklärt. Jetzt müssen wir noch herausfinden, was denn nun das Soziale an der Gerechtigkeit sein soll.“

„Sozial ist für mich“, fing Conne an zu überlegen, „dass alle Menschen gleich behandelt werden müssen.“

„Okay“, nickte Papa. „Dann würde ich gern wissen, ob es möglich ist, einem jeden Menschen sein Recht zukommen zu lassen und gleichzeitig alle Menschen gleich zu behandeln?“

„Max und Consti schauten sich verblüfft an. Max meinte: „Wenn Du das so sagst, ist das ein Anachronismus. Das geht nicht. Ich kann beides nicht gleichzeitig tun“, schüttelte er den Kopf.

„Da haben wir den Salat“, entfuhr es Consti. „Der ganze Nachmittag ist für die Katz.“

„Warte es ab“, beschwichtigte Papa, „wir können ja mal schauen, was wir herausfinden. Aber eines scheint klar zu sein. So einfach ist das mit der sozialen Gerechtigkeit nicht.“

„Aber es ist doch ständig davon die Rede, wenn zum Beispiel Politiker von Missständen in unserem Land reden. Dann wird immer wieder mehr soziale Gerechtigkeit gefordert oder es wird moniert, dass es an sozialer Gerechtigkeit fehle. Die können doch nicht alle spinnen.“

„Die Römer“, beendete Consti den Satz.

„Nicht die Römer. Du hast nur zu viel Asterix gelesen“, wehrte Max ab.

„Also die Politiker“, korrigierte Papa. „Die soziale Gerechtigkeit wird nicht nur von Politikern immer wieder bemüht, wenn es um die bestmöglichen Zustände in unserem Lande geht. Ist von sozialer Gerechtigkeit die Rede, dann werden von der Pflicht, von gerechtem Ausgleich, von politischer Korrektheit oder von Sendungsbewusstsein, gesellschaftlicher Solidarität geredet oder es wird behauptet, ein großes Unrecht müsse endlich korrigiert werden. Wisst Ihr, was Karl Marx dazu einmal gesagt hat?“

Papa schaute seine Söhne fragend an.

„Nö, natürlich nicht“, schüttelte Consti den Kopf.

„Karl Marx meinte einmal: ‚Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt‘:“

„Komm Papa“, wehrte sich Max. „Was hat denn die Habsucht mit sozialer Gerechtigkeit zu tun?“

„Historisch betrachtet eine ganze Menge“, führte Papa aus. „Denn ursprünglich wurde die soziale Gerechtigkeit von den alten Griechen genutzt…“

„Die alten Griechen, die nun wieder“, stöhnte Consti.

„Um den Neid unter den Menschen zu beseitigen“, fuhr Papa unbeirrt fort, „Neid war für die alten Griechen eine Krankheit, die die Menschen zerfrisst“

„Und die sie bestimmt beseitigen wollten, wie ich die alten Griechen kenne“, trumpfte Consti auf.

„Dafür“, setze Papa ungerührt fort, „führten die Griechen über einen langen Zeitraum die Gleichverteilung von Besitz ein. Leider blieb der Neid, daher schafften die Griechen die soziale Gerechtigkeit als untaugliches Mittel zur Neidbeseitigung wieder ab.“

„Dann habe ich doch Recht, Neid hat nix mit sozialer Gerechtigkeit zu tun“, beharrte Max auf seiner ersten Überlegung.

„Zumindest schaffte es die soziale Gerechtigkeit nicht, den Neid zu beseitigen. Ich fürchte, das ist auch noch heute so“, seufzte Papa.

„Aber Papa, was ist denn nun das Problem der sozialen Gerechtigkeit“, wollte Max wissen.

„Das Problem der sozialen Gerechtigkeit ist, dass uns eine verbindliche oder noch besser konsensuelle Definition fehlt. Vielleicht ist das Dilemma entstanden durch den Artikel 20 unseres Grundgesetztes. Darin heißt es unter anderem: ‚Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“

„Aber dann ist doch alles klar“, widersprach Consti.

„Nein, denn leider fehlt im Anschluss eine saubere Definition, was denn ein Sozialstaat ist. Das Einzige“, überlegte Papa weiter, „was wir in der Verfassung wieder finden ist, dass wir keine sozialen Ansprüche an den Staat geltend machen können, wenn es um Verteilungsgerechtigkeit geht. Soziale Gerechtigkeit will zwar jeder, jedoch lässt sie sich per Staatsdekret nicht herstellen.“

„Ja, und was machen wir jetzt“, wollte Consti wissen.

„Nix“, betonte Max.

„Doch, wir schauen mal in die Geschichte, vielleicht erfahren wir da etwas über soziale Gerechtigkeit.“ Papa hatte sein Pulver noch nicht verschossen.

„Die soziale Gerechtigkeit tauchte in unserem Land als Begriff erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Verschiedene Autoren haben sich darum bemüht, die soziale Gerechtigkeit mit Leben zu füllen. Dazu gehören und gehörten der eben schon erwähnte John Rawls, Friedrich August von Hayek, der österreichische Ökonom, der zu den wichtigsten Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie gehörte, der indische Wirtschaftswissenschafter Amartya Sen, der amerikanische Sozial- und Moralphilosoph Michael Walzer und sicher auch die Friedrich Ebert Stiftung.“

„Und, was haben diese Leute herausgefunden“, fragte Max.

„Wenn man alle fünf durchliest, dann haben sie Bedingungen entwickelt, die erfüllt sein müssen, damit Gerechtigkeit sozial wird, also eine soziale Gerechtigkeit gilt.“

„Und was sind das für Bedingungen“, wollte Consti wissen.

Papa holte tief Luft: „Mal sehen, ob ich sie noch alle zusammen bekomme. Also da sind“, überlegte er und zählte dann auf: „Erstens geht es um die größtmögliche Menge von Grundfreiheiten, die für alle möglich sind. Diese Grundfreiheiten müssen strukturell von einem System angeboten werden. Dann müssen Soziale und wirtschaftlich strukturelle Ungleichheiten den am wenigsten Begünstigten einen möglichst großen Vorteil bringen und dürfen nicht derart sein, dass sie bestimmte Personen strukturell von bestimmten Funktionen ausschließen. Drittens ist eine Chancenungleichheit nur dann akzeptabel, wenn sie die Chancen der Benachteiligten verbessert. Viertens darf eine Gesellschaft die Wahrnehmung der Grundrechte nur einschränken, wenn so die Wahrnehmung der Grundrechte langfristig verbessert werden kann und die vorübergehende Einschränkung von allen Betroffenen auch akzeptiert wird. Fünftens kann ein Konsumverzicht auch der Minderbegünstigten geboten sein, um zukünftige Generationen willen. Das ist so etwas wie ein ‚gerechter Spargrundsatz‘.

„Und woran misst man das nun“, platzte Consti dazwischen.

„Die Größe des Konsumverzichts bemisst sich an dem, was zukünftige Generationen vernünftigerweise erwarten dürfen“, erklärte Papa und fuhr weiter fort: „Was könnte hier außerdem noch ein Problem sein?“

„Das ist doch ganz einfach“, warf Max ein, „Das Problem bei allem ist: Wie soll die am wenigsten begünstigte Gruppe festgelegt, und nach oben abgegrenzt werden?“

„Richtig“, bestätigte Papa, „daher hielt auch von Hayek, die vom Sozialstaat vorgenommene Umverteilung aus drei Gründen für falsch. Er war der Überzeugung, dass der Markt, und damit auch den Arbeitsmarkt, zu einer spontanen Ordnung in der Gesellschaft’ führt. Das wiederum würde zu einer eigenen Moral führen. Und er meinte: ‚Diese Moralregeln übersteigen die Fähigkeiten der Vernunft.‘ Daraus folgerte er, man dürfe sie durch Politik nicht korrigieren. Von Hayek war ebenfalls der Überzeugung, die Marktergebnisse ergäben sich aus nichtbeabsichtigten, individuellen Handlungen. Somit entziehen sie sich letztlich einer gerechtigkeitstheoretischen Bewertung. Zum Dritten war von Hayek der Überzeugung, dass nicht wenige Erfolge der Vergangenheit nur dadurch möglich waren, dass Manager gar nicht in der Lage waren, das gesellschaftliche Leben bewusst zu steuern.“

„Das Letzte glaube ich sofort“, protestierte Consti. Max grinste: „Na ja, wenn das Unternehmen klein genug ist, dann kann ich schon innerhalb dieses Unternehmens das gesellschaftliche Leben steuern.“

„Wie willst Du das denn machen“, hielt Consti dagegen.

„Ich erreiche das schon dadurch, dass ich Betriebsferien festlege, und damit keiner mehr Urlaub machen kann, wann er will. Ist doch so, Papa, oder?“

Papa nickte:“ Aber das hat von Hayek sicher nicht gemeint. Er dachte da schon in etwas größeren Dimensionen. Übrigens, diese drei Argumente nahm von Hayek zum Anlass, jede staatliche Korrektur bei den Einkommensverhältnissen klar abzulehnen. Er war für Rechtsgleichheit einerseits und Vertragsfreiheit andererseits. Als einzige soziale Maßnahme empfahl er eine transfergestützte Minimalsicherung. Aber diese wiederum findet sich bereits in Artikel 20 des Grundgesetzes wieder.“

„Das würde ja bedeuten“, überlegte Max, „bei der Verteilung von Geldmengen ist für von Hayek die soziale Gerechtigkeit der völlig falsche Begriff.“

„Ja“, nickte Papa, „sogar der berühmte Karl Marx hat bereits 1875 gefordert: ‚Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.‘ Und auch der SPIEGEL stellte fest, ‚der Sozialstaat deutscher Prägung’ sei ‚zum Monstrum geworden, das an seiner eigenen Größe zu ersticken’ drohe. Der SPIEGEL kam sogar zu der Überzeugung, dass unser Sozialstaat ‚zutiefst ungerecht’ sei ‚weil er seine Leistungen oft willkürlich und nicht selten an den wirklich Bedürftigen vorbei’ verteile.“

„Trotzdem gilt, was Du vorhin gesagt hast. Soziale Gerechtigkeit ist dann gegeben, wenn diese fünf Punkte zutreffen“, meinte Conne.

„Welche fünf Punkte?“, wollte Max wissen.

„Na, die fünf Punkte, die Papa erwähnt hatte von der Friedrich Ebert Stiftung, von Rawls und den anderen“, empörte sich Constantin.

„Ach so, wie war das nochmal“, fragte Max.

„Erstens ging es um die Grundfreiheiten, dann müssen zweitens auch die Armen bei Ungleichheiten Vorteile haben. Drittens müssen bei Chancenungleichheit sich auch die Chancen der Benachteiligten verbessern. Viertens dürfen Grundrechte nur dann eingeschränkt werden, wenn Grundrechte dadurch langfristig verbessert werden, und zum guten Schluss wird auf Konsum verzichtet wegen zukünftiger Generationen.“ Consti hatte sich die Punkte gut gemerkt. Max und Papa nickten anerkennend.

„Also“, fuhr Consti fort. „Mama und Papa werden sich zukünftig einschränken müssen, damit es Dir und mir in Zukunft besser geht.“

Max lachte, und Papa nickte schmunzelnd: „Das tun wir bereits. Aber fehlt Dir hier etwas?“

Consti schüttelte den Kopf: „Nein, ich mach ja nur Spaß.“

Max war nachdenklich geworden: „Papa, das hat mir sehr gefallen. Wenn ich allerdings manche Politiker schimpfen höre, habe ich das Gefühl, sie wissen über Gerechtigkeit oder soziale Gerechtigkeit wirklich wenig.“

„Zumindest wissen auch bekannte Leute in der Politik oder auch in Gewerkschaften nicht so richtig Bescheid“, ergänzte Conne.

„Na ja“, meinte Papa, „ Die öffentliche Diskussion zeigt hier, dass wir weder über das, was sozial ist, noch das, was gerecht ist, so richtig Bescheid wissen, obwohl es dieses Wissen gibt. Wir sind in unserem Land möglicherweise viel sozialer und gerechter, als manche Politiker uns suggerieren.“

„Na ja, jetzt weiß ich wenigstens Bescheid, was Gerechtigkeit ist, und was das Soziale daran sein kann“, ließ Max verlauten.

„Ja, das weiß ich jetzt auch“, bestätigte Consti.

„Fein meine Söhne. Das freut mich.“