Sich aufregen, und nichts tun zu müssen – die schöne Ohnmacht der Betroffenheit

Was sich als Ethik präsentiert, ist bei näherem Hinsehen oft gar keine. Das gilt nicht nur für die Fälle von Heuchelei und Doppelmoral, der sich besonders dreiste Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft, von Politik und Religion immer wieder schuldig machen. Es gibt auch eine Form von Schein-Ethik, der wir alle nur zu leicht erliegen. Sie lässt sich in der Kantine beobachten oder am Kaffeeautomaten, wenn sich Kollegen über die Arbeitsbedingungen im Unternehmen aufregen, über den miesen Lohn, den unmöglichen Chef oder über den mangelnden Respekt vor dem Mitarbeiter.

So geht das nicht, heißt es dann, vielleicht sogar: Schweinerei, eigentlich müsste man sich beschweren. Und dabei bleibt es dann auch zumeist. Die ethische Empörung mag noch so berechtigt sein, sie erschöpft sich in Symbolen des Unmuts und der Ablehnung. Ein bisschen ist das wie eine Lichterkette: Man zündet eine Kerze an und demonstriert sich und Gleichgesinnten seine Meinung, seine Betroffenheit. Das gibt ein gutes Gefühl. Und ändert nichts. Ein Alibi.

Natürlich ist es richtig und verständlich, wenn Menschen sich über Umstände aufregen, die sie furchtbar finden. Es ist auch richtig und wichtig, wenn sie ihre Meinung öffentlich kundgeben, sei es in der Kaffeeküche oder auf der Straße. Problematisch ist nur, wenn das alles ist, wozu sie ihre ethischen Überzeugungen bringen. Die Erfahrung zeigt: Solange sie ein Unrecht nicht persönlich betrifft, reagieren Menschen mit oberflächlicher Anteilnahme. Sie verbrüdern sich im Geiste, erklären sich solidarisch oder zeigen Mitleid – und belassen es dabei.

Ich wundere mich manchmal, wie schnell sich Menschen mit einer besonderen Art der Betroffenheit zufrieden geben. Es gibt nämlich zwei verschiedene Betroffenheiten. Zum einen kann mich eine Sache betroffen machen, zum anderen kann ich betroffen sein. Und das ist ein erheblicher Unterschied. Wenn Menschen betroffen sind, dann sind sie zum Handeln aufgefordert, sie unternehmen etwas, sie engagieren sich persönlich. Sie arbeiten konkret an den Umständen, um diese zu ändern. Das Engagement entsteht durch die Erkenntnis: „Es geht mich etwas an.“ Dadurch sehen sich solche Menschen aufgefordert, etwas zu unternehmen.

Wenn Menschen jedoch etwas nur betroffen macht, dann geht sie die Sache nicht wirklich etwas an, sie können und wollen jedoch ihr Mitleid öffentlich zur Schau stellen. Durch diese Form der Betroffenheit sind sie gleichzeitig zu keinem Handeln verpflichtet. Solche Menschen verfügen nicht selten über eine geradezu ideale ethische Theorie. Sie sind oftmals sogar davon überzeugt, sich auch in der Lebenspraxis daran zu halten. Nur Außenstehende merken leider nichts davon, bis auf die schon erwähnten Lichterketten. Woran das liegt? Nun, die ethische Überzeugung dieser Menschen findet sich in der tatsächlichen Orientierung nicht wieder. Leider ist es nun einmal so, dass viele Menschen über sittliche Normen verfügen, jedoch nicht die Fähigkeit besitzen, Anwendungsfälle zu finden. Und so sind sie moralisch oder sittlich blind.

Menschen von scheinbar untadeligem Charakter und hohen moralischen und sittlichen Idealen entgehen der richtigen Betroffenheit, also betroffen zu sein, oft durch trickreiche Strategien. Das Betroffen-sein wird ersetzt durch sich Betreffen lassen. Das erlaubt ihnen, ohnmächtiges Mitleid zu zeigen. Handeln wird durch Jammern ersetzt, und dadurch sind sie zu keinem Handeln mehr verpflichtet. Eine zweite Strategie, dem Betroffen-sein zu entgehen ist, sich zu verschließen. Die Argumente sind dann: „Wenn ich von allem Elend und aller Not auf dieser Welt betroffen wäre, dann würde ich mich schlussendlich selbst vernichten. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern.“ Mit dieser Mentalität kümmert man sich am Ende um nichts. Eine dritte, typische Strategie, um dem Betroffen-sein zu entgehen ist die Delegation auf Neben-kriegsschauplätze. Solche Nebenkriegsschauplätze sind die moralischen Empörungen über das Lotterleben der Jugend, über das Oben-Ohne-Baden und Ähnliches. Nicht empört und engagiert wird sich aber gegen das Unrecht, dass alltäglich in der eigenen Umgebung geschieht. Ich bin schon Menschen begegnet, die sich fürchterlich über zu knappe Röcke aufgeregt haben. Über zu knappe Löhne haben sie sich noch nie empört.

Woran die Umsetzung ethischer Überzeugungen scheitert, zeigt schon die Sprache der Empörung, die oft im Konjunktiv stattfindet: Etwas müsste passieren, man sollte etwas tun. Eigentlich. Irgendjemand. Niemand ist konkret gefordert, was alle angeht, geht niemanden an. Jeder verlässt sich auf die anderen, die sich ihrerseits auf die anderen verlassen. Damit sich Ethik durchsetzt, braucht es jedoch persönliche Verantwortung, die als konkreter Handlungsauftrag verstanden wird.

Ich denke, wir sollten mehr betroffen-sein. Ein Mensch, der betroffen ist, findet auch Anwendungsfälle für sein ethisches und moralisches Bewusstsein. Ihm reicht das ohnmächtige Mitleid nicht, für ihn greift die Lichterkette zu kurz. Dieser Mensch sieht sich aufgefordert, etwas Konkretes zu unternehmen, und er hört erst auf, wenn sich die Verhältnisse geändert haben, ein neuer, ethisch besserer Zustand erreicht wurde.