Was tun wir gegen Systemagenten?

Es ist schon erstaunlich, wie viele Menschen in einem System zu Systemagenten werden. Und wie schnell das geht. So gibt es leider viel zu viele Führungskräfte, die die Regeln des Systems Unternehmen völlig gedankenlos exekutieren und viel zu wenige Führungspersönlichkeiten, die genau das nicht tun. Manchen Führungskräften ist es ein wichtiges Bedürfnis, Systemagent zu sein. So entsteht der vorauseilende Gehorsam, der vor allem in faschistoiden Unternehmen zu sozialen Vorteilen verhilft. Ein faschistoides Unternehmen ist dann vorhanden, wenn der Erhalt des Unternehmens wichtiger ist als das Wohl und Wehe der Mitarbeiter, Lieferanten. Kunden.

Die totale, 100-prozentige Identifikation mit dem System ist die ausschlaggebende Motivation, zum Systemagenten zu werden. Eine kritische Identifikation – was ist gut, was ist schlecht, was sollte geändert, verbessert werden- findet nicht statt. So entsteht der Systemagent, ohne dass ihm selbst das bewusst wird. Der Systemagent meint, er würde nur seine Pflicht tun. Er fragt nicht, was sinnvoll ist, was sozial verträglich ist, er will wissen, was ‚Das Unternehmen‘ will. Dazu schaut er in die Statuten, in die Verträge und prüft nur, was steht da. Und dann macht er, was da steht, ohne Rücksicht auf die Folgen. Wenn in den Betriebsunterlagen steht: „Nach 22.00 Uhr darf ein Betriebsfremder das Gelände nicht mehr betreten“, dann lässt der Portier an der Schranke die Feuerwehr nicht durch, obwohl es brennt. Ist ja nach 22.00 Uhr.

Systemagenten sind Populisten, handeln immer angepasst, sind pflegeleicht. Sie fragen nicht nach dem Sinn einer Regel, einer Verordnung, sondern nur: „Was steht da?“ Und Systemagenten pflegen den vorauseilenden Gehorsam. Sie fragen sich, was könnte das Unternehmen wollen, was könnte dem Chef gefallen? Dann prüfen sie nicht, ob ihre Annahme stimmt, sie legen gleich los.

Der Systemagent hat ein Gewissen, ja, aber es ist das funktionale Gewissen. Das bedeutet, der Systemagent lebt die Regeln eines Systems so lange er dazu gehört. Und das tut er völlig unkritisch. Kritisches Hinterfragen findet einfach nicht statt. Das Unternehmen wird mit all seinen Regeln introjeziert.

Es kommt jetzt auf das Unternehmen an, auf seine Kultur, ob Systemagenten dort ihr
Unwesen treiben dürfen. Es ist schwer, in einem sozialen System, das einem Individuum Schutz, Fortschritt, Aufstieg, Macht, Einfluss, Geld garantiert, sich innerlich zu lösen, um den Menschen im System nicht zu schaden und nicht auch selbst zum Systemagenten zu werden. Das ist recht selten.

So kann, und vielleicht auch muss, ein Unternehmen hier hinterfragt werden. Wieviel Sittlichkeit ist vorhanden und möglich? Auch ein Unternehmen hat Anteil z.B. an der Biophilie, insofern es Menschen erlaubt, sittlich zu handeln. Ein Unternehmen sollte hier eine Biophilie-Bilanz oder eine Würde-Bilanz aufstellen.

Ein Unternehmen verfügt sicher über mittelbare Sittlichkeit, und nicht direkte Sittlichkeit, insofern das Unternehmen Menschen ermöglicht, sittlich zu leben. Nicht wenige Unternehmen versuchen hier über Ethikkommissionen zu steuern. Aber Ethikkommissionen sind hier nicht immer besonders hilfreich. Sie bilden sich selbst ein á priori, an dem sie Ethik messen und tyrannisieren damit ihre gesamte Umwelt.
Werden zum Systemagenten in Sachen Ethik. Das gilt auch für nicht wenige NGO´s (non-goverment-organisations). Z. B. „Klonen ist streng verboten“. Wenn man dann sagt: „der liebe Gott klont auch gelegentlich“, dann sagen sie: „das können wir uns wirklich nicht erklären, wie der liebe Gott dazu kommt…“

Um ein soziales System beschreiben zu können, muss man bei den Interaktionen von Menschen beginnen. Diese sind nicht vorhersehbar. Es ist nahezu unmöglich bei einer Unterhaltung die Qualität mit einer Uhr zu messen.

Zum sittlichen Gewissen

Das sittliche Gewissen (eine innerpsychische Instanz) ist das der Handlung vorausgehende Urteil über die die sittliche Qualität der Handlung. Alle anderen Gewissen konstituieren nicht irgendeine Verfehlung, sondern sind Dressurinstanzen. Vor allem die sientia consequenz, das nachfolgende Gewissen. Hier fühle ich mich nur schuldig. Das hat mit sittlichem Gewissen nichts zu tun. Das schlechte Gewissen kann mich höchstens darauf aufmerksam machen, dass ich mich vor einer Handlung frage, ob die Handlung dem sittlichen Gewissen entspricht. Das sittliche Gewissen orientiert sich an dem höchsten sittlichen Wert. Genau das fehlt dem Systemagenten.

Sittlichkeit ist für ihn eher eine Störgröße, die bekämpft werden muss. „Da kann man ja alles in Frage stellen, das haben wir noch nie so gemacht, das steht doch nirgendwo, fragen Sie nicht so dumm, machen Sie nur, was ich sage, das verstehen Sie sowieso nicht, das erklärt sich doch von selbst…“, das sind typische Formulierungen von Systemagenten.

Die große Frage beim Umgang mit Systemagenten ist, ob ein Unternehmen Sittlichkeit fördert, Menschen zugesteht, über ein sittliches Gewissen verfügen und danach handeln zu können. Die weitaus meisten Menschen verstehen jedoch unter Gewissen selten das sittliche Gewissen, eher das strafende (moralische) Gewissen.

Die Bedeutung der Sittlichkeit im Handeln

Die Frage nach der Sittlichkeit wird leider selten gestellt. Das ist Aufgabe der Ethik. Ich kann nun feststellen, ob meine Handlung wirklich verantwortet ist. Sie ist sicher verantwortet, wenn sie eigenes und fremdes Leben eher mehrt, denn mindert.

Sobald ich mein Handeln auch an sittlichen Normen wie Schutz der Würde oder Lebensmehrung, also Biophilie orientiere, lasse ich in mein Handeln etwas einfließen, dass nicht allein dem Unterwerfungsprinzip gehorcht.
Der Systemagent will das nicht, oft genug aus egoistischen oder egozentrischen Gründen, denn Egoismus oder Egozentrik suchen nicht die Begegnung mit dem Fremden oder Anderen, sondern nur die Bestätigung eigener Überzeugung. Fehlt Sittlichkeit, dann begreife ich alles, was nicht meinen Interessen dient, als Störgröße. Sittlichkeit kennt nicht die Störgröße, sondern das Interesse am Anders-Sein.
Der Unterschied ist auch, dass der unsittliche Systemagent sich nur im anderen sucht, während der sittliche Mensch den anderen sucht. Damit ist Sittlichkeit notwendig als Anpassungskorrektiv an Realität.

Bei Systemagenten fehlt das Interesse an Sittlichkeit, man hat sich nie darum bemüht, das Sittliche zu erkennen. Es kann sogar vorkommen, das bewusst unsittlich gehandelt wird, nur um dem Buchstabenlaut einer Verfügung folgen zu können. Die Ignoranz gegenüber der Sittlichkeit wird vom Systemagenten nicht überwunden, weil eine Überwindung mit negativen Affekten versehen ist. Selbst wenn der Systemagent weiß, dass sein Handeln unsittlich ist, tut er es gleichwohl, da er sich davon Vorteile verspricht. Die Beschäftigung mit Sittlichkeit ist dem Systemagenten zu mühsam. Man findet das häufig bei Politikern. Sie bleiben bei ihrem Programm, obwohl sie wissen, dass es nicht sonderlich kreativ und produktiv ist. Eine Änderung ist mit negativen Affekten ersehen ist.
Damit ist Sittlichkeit notwendig, um in einem Unternehmen neben der wirtschaftlichen Orientierung auch eine soziale, lebensmehrende Komponente zu leben. Die Sittlichkeit sucht den anderen Menschen als Ziel, Unsittlichkeit sucht den anderen nur als Mittel. Dadurch entsteht die Notwendigkeit der Sittlichkeit.