Wer gewinnt – Pragmatik oder Ethik?

Wir leben in einem Grundübel. Das Übel ist die Bereitschaft, ethische Grundsätze für den persönlichen Vorteil in Frage zu stellen und zu opfern. Und wir wollen in unserer Gesellschaft dazugehören. Für diesen Wunsch sind wir bereit, die moralischen Werte der Gesellschaft anzunehmen und gleichzeitig bereit, dafür unserer persönlichen, sittlichen Werte aufzugeben. Einer der Gründe dafür ist auch, dass es noch nie ein System gegeben hat, das individuelle, personelle Werte gegen systemische Werte verteidigt.

So wird die Frage sein, wie es gelingt, seine ethischen Werte gegen die moralischen Werte eines Systems, einer Gesellschaft zu behaupten. Das wird nicht einfach sein. Notwendige Voraussetzung ist, ein sittliches Gewissen ausgebildet zu haben. Ein Gewissen sollte trainiert werden, ansonsten beherrscht das System die personale, individuelle Intelligenz. Und KI unterstützt derzeit diesen Prozess. Die Gefahr ist, dass KI menschliche Intelligenz dominiert. Und dann wird sie gefährlich.

Woran sind Menschen interessiert? Junge Menschen haben in den Mittelpunkt ihres Lebens die Selbstoptimierung gestellt; Spiritualität z. B. ist nicht mehr attraktiv. Die Selbstoptimierung ist ihnen so selbstverständlich geworden, dass sie noch nicht einmal merken, wie sie damit große Teile ihrer Freiheit aufgeben. Selbstverständlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht mehr hinterfragt werden und auch nicht mehr hinterfragt werden dürfen. Damit entsteht ein Kerker der Selbstverständlichkeiten, und ich richte mich kommod darin ein. Freiheit wird wahrscheinlich durch nichts mehr behindert, als durch Selbstverständlichkeiten.

In der Wissenschaft gibt es inzwischen eine Forschung über den sogenannten D-Faktor. Der D-Faktor beschreibt das Böse im Menschen. Leider gibt es Menschen, die mit Ethik wenig am Hut haben. Sie sind nicht nur pragmatisch und egoistisch, sie sind einfach nur böse. Die Professoren Morten Moshagen von der Universität Ulm, Benjamin Hilbig von der Universität Koblenz-Landau und Ingo Zettler von der Universität Kopenhagen haben anhand von neun Persönlichkeitsmerkmalen feststellen können, dass es bei Egoisten, Machiavellisten, Narzissten, Psychopathen und Sadisten mehr Gemeinsamkeiten gibt, als man glaubt. Viele dieser problematischen Persönlichkeitseigenschaften lassen sich auf wenige grundlegende Prinzipien zurückzuführen: den „dark factor“ (D-Faktor) der Persönlichkeit. Was bedeutet das? Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass narzisstische Persönlichkeiten ebenso machiavellistische Züge oder sogar psychopathische Züge zeigen. Die Wissenschaftler sind aufgrund ihrer Forschungen sogar davon überzeugt, dass Menschen mit einem starken D-Faktor statistisch gesehen eine hohe Wahrscheinlichkeit aufweisen, kriminell oder gewalttätig zu werden oder soziale Regeln ständig verletzen. Das bedeutet in der täglichen Praxis, wer seine Mitarbeiter mies behandelt, betrügt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch seine Geschäftspartner, geht mit seinen Kindern respektlos um, hinterzieht Steuern und geht fremd.

Der D-Faktor beschreibt also die maximale individuelle Nutzenmaximierung, koste es, was es wolle. Es wird sprichwörtlich über Leichen gegangen. Wenn es von Vorteil ist, wird Schaden für andere bereitwillig in Kauf genommen oder sogar absichtlich herbeigeführt. Das Furchtbare daran ist auch, dass das eigene Verhalten immer als richtig angesehen wird. Es fehlt jegliche Einsicht in die Verwerflichkeit des eigenen Handelns.

Hier wird wieder das trainierte, sittliche Gewissen wichtig. Es hinterfragt auch Selbstverständlichkeiten. Voraussetzung für die Ausbildung eines sittlichen Gewissens ist die Annahme seiner selbst, sich bewusst zu sein über seine Schwächen und Grenzen, und diese auch anzunehmen, um sie dann zu weiten, eigenes Leben zu mehren in seinen Möglichkeiten. Die Mehrung des eigenen Lebens ist sich eine notwendige Voraussetzung, um auch das Leben anderer Menschen zu mehren. Und eine sittlich motivierte Ethik will sicher einen verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und den Rechten vor allem von Minderheiten.

Es gibt drei Gewissen. Das moralische Gewissen ist eine Dressur durch Erziehung. Die Normen und Regeln der Erzieher werden nicht in Frage gestellt. Dann gibt es das funktionale Gewissen, dass nach dem Motto funktioniert: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“

Im sittlichen Gewissen findet zum ersten Mal eine kritische Auseinandersetzung statt. Wir prüfen, welchem ethischen Wert soll mein Leben folgen? Welche Gründe sprechen für, und welche Gründe gegen eine Sache, ein Unternehmen etc. Wir wägen diese Gründe vor dem Hintergrund des höchsten ethischen Wertes gegeneinander ab und stellen in der Bilanz fest, dass wir dafür oder dagegen sein können. So werden auch die Inhalte unseres moralischen und/oder funktionalen Gewissens kritisch hinterfragt.

Diese Abwägung findet vor dem Anspruch eines hohen ethischen Gutes statt. So gewinnt denn Ethik eine besondere Bedeutung, denn sie bietet uns die Grundlagen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem, was wir tun oder lassen wollen.

Das sittlich verantwortete Gewissen nimmt eine Güterabwägung vor. Jetzt entscheidet sich der Mensch zum ersten Mal kritisch. Die im sittlich verantworteten Gewissen enthaltenen Werte und Gründe für unser Handeln sind selbst gewählt. Somit findet zum ersten Mal die Identifikation statt. Der Mensch wird mit sich selbst identisch. Durch diese Auseinandersetzung entgeht der Mensch der Gefahr, sich selbst fremd zu werden.

Es lohnt sich eine Auseinandersetzung mit seinem sittlichen Gewissen, denn sonst siegt im Zweifel die Pragmatik über Ethik.