Wir benötigen mehr Alterozentrik

„In der Sprache eines Menschen dokumentiert sich sein Menschenbild“, meinte Wittgenstein. Wörter, die wir regelmäßig verwenden und die uns geläufig sind, sagen auch, dass uns die Sache, die mit diesem Wort gemeint ist, vertraut ist. Ein Mensch, der von Ernährungswissenschaften nichts versteht, wird wahrscheinlich mit dem Wort Ökotrophologie wenig anfangen können, nicht wahr? Also machen wir gemeinsam einen kleinen Test: Wie nennt man einen Menschen, der seine Ziele in den Mittelpunkt seines Handels stellt? – Richtig, das ist ein Egoist. Sie scheinen also von der Sache etwas zu verstehen. Wie nennt man nun einen Menschen, der nicht seine Ziele, sondern seine Überzeugungen in den Mittelpunkt seines Handels stellt? Dieses Wort wird manchmal mit dem Egoisten verwechselt. Auch richtig, das ist der Egozentriker. Hier scheinen Sie ebenfalls mit der Sache sehr vertraut zu ein, da auch dieses Wort Ihnen recht geläufig ist. Nun fragen wir mal nach dem Gegenteil, mal sehen, ob Ihnen die Sache auch vertraut ist: Wie nennt man einen Menschen, der nicht seine eigenen Ziele, sondern die Ziele anderer Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns stellt? Na, schon schwieriger? Dann scheint Ihnen die Sache nicht ganz so geläufig zu sein. Das ist der Altruist. Und nun die vierte Frage: Wie nennt man einen Menschen, der nicht seine eigenen Überzeugungen, sondern die Überzeugungen anderer Menschen in den Mittelpunkt seines Handels stellt? Na, es fällt Ihnen nicht ein? Das Wort liegt Ihnen auf der Zunge? Na gut, lüften wir einmal den Schleier. Das ist der Alterozentriker. Sie kennen das Wort nicht? Dann scheint Ihnen die Sache unbekannt zu sein! Dabei ist diese Fähigkeit unbedingt erforderlich, um gemeinsam mit anderen in einem Gespräch, einer Verhandlung etwas klären zu können. Aber grämen Sie sich nicht. Das Wort Alterozentrik ist aus unserem Sprachgebrauch entschwunden. Selbst in der letzten Ausgabe des Brockhaus ist es als notwendiger Gegenbegriff zur Egozentrik nicht aufgeführt. Es gibt es nicht mehr. Wenn wir jetzt noch einmal zurückschauen und uns vor Augen führen, dass in der Sprache des Menschen sich sein Menschenbild dokumentiert, dann gehört die Fähigkeit, sich auf andere Menschen, auf deren Wünsche Bedürfnisse, Werte Erwartungen und Interessen einstellen zu können, nicht zu unserem bevorzugten Menschenbild. Und damit fehlt uns, würden die alten griechischen Philosophen sagen, die entscheidende Voraussetzung, um mit einem Menschen etwas klären zu können. Fehlt uns aber die Alterozentrik, dann gehört zu unserem Repertoire mehr die Fähigkeit, Recht behalten zu wollen, uns durchzusetzen, jemanden über den Tisch zu ziehen oder jemanden zu überreden. Schade, schade. Mit dieser wunderschönen Fähigkeit der Alterozentrik meinten die Philosophen die Fähigkeit, eigene Erkenntnisse anderen Erkenntnissen gegenüber nicht automatisch für überlegen zu halten. Damit meinten sie auch die Fähigkeit, in Verhandlungen gemeinsam mit dem Gesprächspartner über das Abprüfen der jeweiligen Erkenntnis, (auch der eigenen!) herausfinden zu wollen, wessen Erkenntnis die Gesprächspartner weiter bringt. Das nannten die Griechen den Erkenntnisfortschritt.
Die Idee dazu hatte Sokrates, der meinte, er sei nicht im Besitz von Wahrheit, sondern nur im Besitz von Gewissheit. Selbst wenn ein Mensch im Besitz einer Wahrheit sei, so könne er es nie wirklich wissen. Für Sokrates war Wahrheit eine semantische Qualität, die völlig irrtumsfrei und völlig täuschungssicher ist. Das jedoch kann ein Mensch niemals wirklich wissen. Sokrates bot als zweite Wissensqualität die Gewissheit an, eine psychologische Qualität, die uns zweifelsfrei sein lässt. Sokrates bat darum diese beiden Qualitäten bitte nicht miteinander zu verwechseln. Er erkannte für sich, dass er eben nur über Gewissheiten verfüge, und von Wahrheit einfach nichts verstehe, nichts weiß. So entstand der berühmte Spruch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Nur hat Sokrates das nie gesagt. Es ist ein Übersetzungsfehler. Er sagte tatsächlich: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“, also von Wahrheit nichts weiß. Das Orakel von Delphi meinte, damit sei Sokrates der Klügste aller Athener, da er der einzige sei, der von seinen Erkenntnissen niemals behaupten würde, sie sein wahr. Das gab natürlich Ärger. Sokrates wurde angeklagt wegen Asebie; also Gottlosigkeit: Er würde die Jugend Athens zu einem neuen, falschen Denken verführen. In einem Prozess 399 vor Christus hatte Sokrates irgendwann die Schnauze voll, und beschimpfte seinen Richter. Er sagte ihm: „Wir beide verstehen von Wahrheit nichts, Du nicht und ich nicht. Ich behaupte auch gar nicht, von Wahrheit etwas zu verstehen, während Du behauptest, Du verstündest etwas davon. Offensichtlich bin ich in dieser Sache etwas klüger als Du.“ Na ja, das macht man mit einem Richter nicht. Aber Sokrates zog noch mehr vom Leder. Er warf seinem Richter vor, wer nicht weiß, dass es Wahrheit und Gewissheit gibt ist einfach doof. Wer seine Gewissheiten für Wahrheit hält, ist intolerant, und wer Wahrheit und Gewissheit ständig miteinander verwechselt ist Wahnkrank, gehört in die Klapsmühle.

Klar dass bei dieser Argumentation im alten Griechenland nur eines herauskommen konnte, die Todesstrafe. Der Schüler von Sokrates, Platon formulierte aus den Überlegungen von Sokrates die Fähigkeit Alterozentrik. Also die Bereitschaft, nicht die eigenen Überzeugungen in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die Überzeugungen des Gegenübers, um herauszufinden, warum ist der andere davon überzeugt? Gleichzeitig ist der Alterozentriker jederzeit bereit, auch eigene Überzeugungen gemeinsam mit dem Gesprächspartner auf Stichhaltigkeit zu überprüfen. Immer mit dem Gedanken, es könnte ja ich derjenige sein, der sich irrt. Sokrates war der Überzeugung, nur mit Alterozentrik kommt man zu einem Erkenntnisfortschritt. Reine Bestätigung oder reines sich-durchsetzen bietet nie einen Erkenntnisfortschritt. Um alterozentrisch denken zu können, sollte man sich selbst nicht so wichtig nehmen. Eigene Erkenntnis ist eben nicht wahr; und wenn sie es ist, wissen wir es nicht. Dann sollte man wissen, dass wir durchaus unsere Selbstverständlichkeiten für wahr halten. Damit sind sie das Wesen des Vorurteils. Und davon haben wir durchaus jede Menge. Zum Dritten sollte ein gutes Gespräch keinen Verlierer, keine Sieger und Besiegte kennen, sondern letztlich immer zwei Gewinner. Wer aber Recht behalten will, wer im Zustand der alleinseligmachenden Erkenntnis sich befindet, wer prinzipiell die eigenen Erfahrungen und Überzeugungen anderen Erfahrungen, Erkenntnissen und Überzeugungen gegenüber für überlegen hält, ohne bereit zu sein, das prüfen zu wollen, der kann keine sinnvolle Verhandlung führen, wird keinen Erkenntnisfortschritt generieren. Der kann sich nur durchsetzen wollen. Und damit gefährdet er möglicherweise eine gute Lösung für ein Problem.