„Wir sollten die Werte der Kinder nicht aufgeben“

ulf_18-09-16_stuttg-_zDenkanstöße Ein sozial verträgliches Miteinander im Unternehmen ist die Basis für Erfolg, sagt der Wirtschaftsethiker Ulf D. Posé.

Ethik im Wirtschaftsleben – kann das denn überhaupt funktionieren? Auf jeden Fall, meint Ulf D. Posé. Für den Wirtschaftsethiker senkt ein vertrauensvolles Handeln im Unternehmen am Ende sogar die Kosten.

Herr Posé, Redlichkeit, Anstand und Respekt sind hohe Werte – aber stehen sie nicht im Gegensatz zur harten Geschäftswelt, wo es dort doch zuallererst um Profit geht?

Wenn ich Profit absolut setze, dann könnte das so sein. Neben der Wirtschaftlichkeit gibt es für Unternehmen aber auch die Aufgabe, ein sozial verträgliches Miteinander zu generieren. Das betrifft Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter. Wer Menschen auf ihre ökonomische Verwertbarkeit reduziert, zerstört soziales Miteinander. Und das kann teuer werden.

Welchen Hauptvorteil hätte es denn für ein Unternehmen, wenn es sich beim Handeln von ethischen Werten leiten ließe?

Es ist die Glaubwürdigkeit. Ich habe halt lieber mit einem Unternehmen zu tun, auf das ich mich selbst bei einer Reklamation verlassen kann.

Gibt es darüber hinaus noch andere Vorteile für das Unternehmen?

Es geht um Vertrauen. Kann ich mich darauf verlassen, dass jemand kompetent ist, angemessen handelt und ich mich auf seine Zusagen verlassen kann? Wenn ja, habe ich Vertrauen, wenn nein, meide ich lieber den Kontakt. Eine Vertrauenskultur ist für Unternehmen ökonomisch hochattraktiv, da sie Kosten senkt. Vertrauen sorgt für weniger Wanderbewegungen bei Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern. Zwei weitere Vorteile: Menschen, mit denen anständig umgegangen wird, verlangen weniger Wiedergutmachung, wenn mal was schiefgeht. Und die Abstimmungsprozesse sind billiger: Ich benötige nicht für jede Kleinigkeit einen Vertrag. Wenn eine Vertrauenskultur existiert, reicht auch eine mündliche Zusage.

Ein Unternehmen kann sich Ethik auf die Fahne schreiben. In diesem Sinne handeln können aber nur Menschen. Wie kann man denn Chefs und Mitarbeiter zu einer ethischen Selbstverpflichtung motivieren?

Auf die Fahne schreiben reicht eben nicht. Die meisten Unternehmen haben einen Ethikkodex oder Führungsgrundsätze. Die entscheidende Frage ist, ob sich die Führungskräfte auch daran halten. Das geht nur über die Vorbildfunktion. Es ist wie bei Kindern. Kinder glauben nur das, was Eltern tun, nicht das, was sie sagen.

Von Kindern kann man lernen, ist einer Ihrer Kernsätze. Geben Sie doch bitte in Bezug auf Ethik dafür ein Beispiel.

Die Welt der Erwachsenen kennt die Werte Leistung, Erfolg, Reichtum und Macht. Kinder pflegen die Worte Wohlwollen, Dankbarkeit, Vergeben und Im-Kleinen-glücklich-Sein. Die entscheidende Frage für eine ethische Unternehmensführung ist, ob es gelingt, die Werte der Kinder in die Welt der Erwachsenen hinüberzuretten. Ich habe nichts gegen die Werte der Erwachsenen, ich finde nur, sie sollten nicht absolut gesetzt werden. Denn das würde bedeuten, dass ein Mensch, der nicht mehr leistungsfähig ist, nichts mehr wert wäre. Wir alle feiern Erfolge, müssen aber auch Misserfolge verkraften. Vor diesem Hintergrund sollten wir bereit sein, auch bei Misserfolgen wohlwollend zu bleiben. Daher wünsche ich mir, dass wir in der Welt der Erwachsenen die Werte der Kinder erhalten.